Nachdem sich das Covid19-Infektionsgeschehen in Schleswig-Holstein beschleunigt hat und die aktuellen Erkrankungszahlen z.B. besonders in einzelnen Landkreisen in Südholstein deutlich über den Inzidenzwerten von Hamburg liegen, hat die Landesregierung jetzt ihre Vorstellungen zum schrittweisen Ausstieg aus dem Lockdown sowie die in Zukunft dafür geltenden Grenzwerte vorgestellt. Dazu wurde der bisher maßgebliche Grenzwert einer Inzidenzzahl von 50 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner:innen in sieben Tagen auf den Wert 100 im gesamten Schleswig-Holstein heraufgesetzt. Dieser Wert wird zurzeit für das Bundesland, wenn auch nur knapp, mit etwa 95 unterschritten.
Nach den gestern veröffentlichen Plänen (https://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/I/_startseite/Artikel2021/I/210126_stufenplan.html) würde dies bedeuten, dass in Schleswig-Holstein Kitas und Schulen schon in absehbarer Zeit zwar stufenweise, aber landesweit geöffnet werden. Grundsätzlich ist eine möglichst rasche Rückkehr zu „normalen“ Verhältnissen an den Kitas und Schulen des Landes anzustreben. Aber nach den vorliegenden Plänen der Landesregierung würde demnächst auch in Regionen wie z.B. dem Kreis Pinneberg Präsenz-und Wechselunterricht beginnen, obwohl dort die Infektionszahlen seit Wochen sehr deutlich über dem Inzidenzwert 150 liegen. In einem Flächenland, wie Schleswig-Holstein es ist, können sinnvollerweise jedoch nur die jeweilige Infektionssituation vor Ort und die Beachtung regionaler Corona Hotspots auschlaggebend für Lockerungsmaßnahmen sein. Das Jonglieren mit recht willkürlich herauf- oder heruntergesetzten Grenzwerten erhöht die Richtigkeit und Akzeptanz der vorgestellten Maßnahmen auch nicht. Diese Richtwerte könnten ja bei weiter steigenden Infektionszahlen im Land beliebig nach oben angepasst werden.
Schleswig-Holstein schert damit nicht zum ersten Mal aus vereinbarten Beschlüssen der Landesregierungen und des Bundes aus und prescht mit nicht durchdachten Verlautbarungen voraus. Dabei zeigt sich auch diesmal die Einschätzung der Landesregierung, dass Schulen und Kitas im gesamten Covid19-Infektionsgeschehen eine völlig unbedeutende Rolle spielten. Die Bildungsministerin und ihr arbeitsmedizinischer Dienst stellten ja schon von Beginn der Pandemie an die Gefährlichkeit des Virus in Frage und verharmlosten die Ansteckungsgefahren für Kinder, Lehrkräfte und Betreuer:innen in den Schulen und Kitas. So wurden fast alle ärztlichen Atteste von Lehrkräften mit schweren Vorerkrankungen nicht anerkannt, wirksame bauliche Schutzmaßnahmen in den Klassenräumen für nicht sinnvoll erklärt, das Tragen von FFP2 Masken im Unterricht in Frage gestellt und direkt nach Bekanntgabe der Beschlüsse der vorletzten Sitzung von Bundesregierung und Länderchef:innen flächendeckender Präsenzunterricht nach Stundentafel für die Abschlussklassen angeordnet.
Dass die, wohl auch den aktuellen Lockerungsplänen der Landesregierung zugrundeliegenden, Vorstellungen des Bildungsministeriums nicht zutreffen, ist mittlerweile durch eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt worden. Ausführlicher äußerte sich z.B. der Mikrobiologe Prof. Michael Wagner in einem Interview des NDR vom 26. Januar 2021 zur Bedeutung von Kindern und Jugendlichen, Kitas und Schulen für das Covid19-Infektionsgeschehen: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Interview-mit-Mikrobiologe-Prof-Michael-Wagner-,panoramadrei3734.html
Rin in de Kantüffeln, un denn rut ut de Kantüffeln … Die Bildungsministerin Schleswig-Holsteins, Frau Prien, eiert durch die Corona Pandemie. Immer neue Erlasse und Anordnungen gehen kurzfristig an die Schulen und müssen dann von einem Tag auf den anderen von den Schulleitungen umgesetzt werden. Hätte Frau Prien doch einmal vorher auf die Ratschläge von Fachleuten, Lehrkräften, Schulleitungen und der Gewerkschaft gehört, dann wäre den Schulen viel Unruhe erspart geblieben. Das letzte Beispiel hierfür sind ihre Anordnungen von Präsenzunterricht an den Gemeinschaftsschulen und den Gymnasien in der augenblicklichen Hochphase der Pandemie und der dramatisch gestiegenen Infektionszahlen.
Dazu die Presseerklärung des GEW Landesverbandes Schleswig-Holstein:
„Mit Ach und Krach die Kurve gekriegt! – Nach GEW-Kritik flexiblere Regelungen für Abschlussklassen
Nach heftiger Kritik von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und aus vielen Schulen hat das Bildungsministerium flexiblere Regelungen für den Präsenzunterricht in den Abschlussklassen vorgelegt. Es darf nun doch einen Mix aus Fern- und Präsenzunterricht geben. Der Unterricht muss nun nicht mehr für alle gleichzeitig in der Schule erfolgen. „Da hat das Bildungsministerium gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Unser Beharren auf bessere Regelungen hat sich gelohnt. Die Schulen erhalten jetzt doch mehr Flexibilität für den Unterricht in den Abschlussklassen. Sie können sich im Präsenzunterricht stärker auf die Prüfungsfächer konzentrieren. Das ist für die Schulen sehr wichtig. Denn dadurch reduziert sich an den Schulen das Infektionsrisiko, weil nicht so viele Schülerinnen und Schüler gleichzeitig in die Schulen kommen“, zeigte sich die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke in einer Presseerklärung vom Dienstag, 12. Januar 2021 mit dieser Regelung zufrieden. Sie erläuterte die Konsequenzen der neuen Regelung zum Beispiel für die Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe: „Die neue Regelung sorgt für viel weniger Betrieb in der Schule und damit für weniger Ansteckungsgefahr. Der 9., 10. und 13. Jahrgang – das können bis zu 400 Schülerinnen und Schüler sein – müssen nicht mehr zeitgleich Präsenzunterricht nach Stundenplan erhalten.“ Auch an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufen und den Gymnasien gebe es diesen positiven Effekt. Die GEW-Landesvorsitzende bedauerte, dass das Bildungsministerium wieder einmal für überflüssiges Wirrwarr gesorgt habe. „Wenn das Bildungsministerium den Schulen von vornherein die notwendigen Handlungsspielräume eröffnet hätte, wäre es an den Schulen nicht zu dem ganzen Ärger gekommen. Um das in Zukunft zu vermeiden, sei dem Bildungsministerium sehr ans Herz gelegt, Gewerkschaften und Personalrat bei der Erarbeitung des angekündigten Stufenplans für den Schulunterricht in Coronazeiten zu beteiligen“, sagte Astrid Henke.“
Verantwortlich: Bernd Schauer, 12.01.2021 Geschäftsführer GEW Schleswig-Holstein
Die Proteste und Aktionen der Gewerkschaft und der Schulen zeigen anscheinend Wirkung. Die Schulen erhalten jetzt doch mehr Flexibilität beim Unterricht in den Abschlussklassen. Sie können sich im Präsenzunterricht stärker auf die Prüfungsfächer konzentrieren.
Wörtlich heißt es in der Corona-Schulinfo des Bildungsministeriums von heute Nachmittag (11. Januar):
Die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen sollen also nach Stundentafel (nicht Stundenplan) und gemäß den Fachanforderungen unterrichtet werden. Da das in den Schulen unterschiedlich gut abbildbar ist, kann dies sowohl im Rahmen von Präsenzunterricht als auch in Distanzlernformaten geschehen. …
Die Schulen haben die organisatorische Flexibilität, um die Stundenplanung mit Blick auf die Prüfungenvorzunehmen. Fächer, in denen Abschlussklausuren geschrieben werden, haben Priorität. …Die Schulen wägen vor diesem Hintergrund ab, welche Fächer bevorzugt in Präsenz unterrichtet und welche über Distanzlernformate abgedeckt werden können.
Voller Präsenzunterricht in Abschlussklassen erhöht Infektionsrisiko
Kiel – Angefressene Lehrkräfte, ratlose Schulleitungen und irritierte Schülerinnen und Schüler: Der vom Bildungsministerium angeordnete vollumfänglicher Präsenzunterricht für die Abschlussklassen hat am heutigen Montag (11. Januar 2021) an vielen Schulen für Ärger und Durcheinander gesorgt. „Es ist mehr als bedauerlich, dass das Bildungsministerium weiter an seinem unsinnigen Kurs festhält. Je weniger Schülerinnen und Schüler in Pandemiezeiten die Schule besuchen, desto besser. Mit Präsenzunterricht nur in den Prüfungsfächern und in kleinen Gruppen haben die Schulen ihre Schülerinnen und Schüler im vergangenen Jahr schließlich auch gut auf die Prüfungen vorbereitet.“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke in Kiel. „Der Bildungsministerin würde kein Zacken aus der Krone brechen, wenn sie die vielstimmige Kritik von GEW, Personalräten und Schulleitungen beherzigen würde. Schließlich sind die mit der Situation an der Schulen viele besser vertraut als die ministerielle Bürokratie in Kiel.“
Die GEW-Landesvorsitzende verwies darauf, dass die entsprechende Landesverordnung ein flexibles Vorgehen beim Unterricht in den Abschlussklassen ermögliche. Es gebe daher keinen Grund, alle Schülerinnen und Schüler aus den Abschlussklassen gleichzeitig in allen Fächern in den Präsenzunterricht zu zwingen. „Ein solches Vorgehen ignoriert die Bedeutung der hohen Inzidenzwerte, den Lockdown und die Unwägbarkeiten durch die Virusvariante B.1.1.7“, so Astrid Henke wörtlich.
mehrfach haben wir in den letzten Tagen versucht, auf die Ausgestaltung des Präsenzunterrichtes für die Abschlussklassen Einfluss zu nehmen. Es ist mehr als bedauerlich, dass Sie die eindringliche Kritik der GEW in Bezug auf die Umsetzung und die Vorgaben aus Ihrem Haus bisher in keiner Weise aufgenommen haben. Die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen, Schulleiter*innen, Personalräte und Lehrkräfte der Gemeinschaftsschulen und Gymnasien sind in höchstem Maße in Aufruhr und auch teilweise entsetzt über die Vorgabe des Landes, die zur Umsetzung des Präsenzunterrichts in die Schulen gegeben wurde. Voll umfänglicher Präsenzunterricht für die Abschlussklassen ist in den Schulen nicht umsetzbar, aus Infektionsschutzgründen nicht verantwortbar und überfordert die Schulen. Sie selbst haben die Umsetzung des harten Lockdowns auch für die Schulen angekündigt. Nun erklären Sie bzw. Ihr Mitarbeiter Herr Kraft mit den Abschlussklassen wären nur 22-33 % der Schüler*innen einer Gemeinschaftsschule in der Schule, das sei doch durchaus zu vertreten. Sie ignorieren die besondere Situation, die Bedeutung des Lockdowns und die Unwägbarkeiten durch die Virusvariante B.1.1.7. Sie ignorieren auch, dass die 7-Tage-Inzidenz inzwischen auch in Schleswig-Holstein die 100-er Grenze überschritten hat. Ursprünglich hatten Sie in Ihrem Schreiben vom 6.01.2021 angekündigt, dass die Schüler*innen der Abschlussklassen Unterrichts- und Vorbereitungsangebote in den Schulen erhalten, nun heißt es, es solle Präsenzunterricht gemäß Stundentafel erteilt werden. Sie erklären, es müssten vergleichbare und rechtssichere Bedingungen hergestellt werden und weisen auf den Präsenzunterricht in anderen Bundesländern hin. Die Umsetzung in den Bundesländern ist in keiner Weise vergleichbar, es ist vielmehr ein buntes Wirrwarr und reicht von ausschließlichem Distanzunterricht für Abschlussklassen in Hamburg, NRW und Thüringen, über tageweise Gruppenangebote oder Wechselunterricht in Rheinland-Pfalz und Bremen bis hin zur Schleswig-Holsteiner Variante! Und die Umsetzung in Schleswig-Holstein? Auch die ist nicht vergleichbar! Die Abschlussschüler*innen zum ESA, MSA und zum Abitur in den berufsbildenden Schulen werden vorrangig im Distanzunterricht auf die Prüfungen vorbereitet. Ist das dann rechtssicher und vergleichbar oder nur die Folge der neuen Zuständigkeit im Wirtschaftsministerium?
Sehr geehrte Frau Prien, die personelle Ausstattung der Schulen lässt es nicht zu, dass Präsenzunterricht der Abschlussklassen in geteilten Gruppen und Distanzunterricht in den anderen Klassen gleichzeitig erfolgt. Seien Sie bitte ehrlich gegenüber der Öffentlichkeit und schützen Sie Ihre Beschäftigten in den Schulen. Wenn der Präsenzunterricht in den Abschlussklassen Priorität haben soll, kann der Distanzunterricht und die Betreuung der anderen Schüler*innen nicht in der gewünschten und angekündigten Form stattfinden. Setzten Sie Ihre Aussage um, dass die Abschlussschüler*innen im Januar Unterrichtsangebote in den Prüfungsfächern in Präsenz erhalten. Sagen Sie den vollständigen Präsenzunterricht ab dem 11.01.2021 ab. Er ist aus Infektionsschutzgründen unverantwortlich. Er führt auch zur Überforderung der Lehrkräfte! Legen Sie die Umsetzung in die Hand der Schulen! Genau das lässt die beschlossene Verordnung der Landesregierung zu. Setzen Sie den in der Presse und im Landtag angekündigten Weg alles zu unternehmen, um die Infektionszahlen wirklich zu senken und auch die Lehrkräfte zu schützen, um.
Der Kreisverband Segeberg hat zum Beginn des neuen Jahres mehr als 1500 ffp2 Masken an die GEW Mitglieder an den Schulen des Kreises versandt. Zeitnah werden weitere Schutzmasken auch an die GEW Mitglieder an den Kitas und an die pensionierten Kolleg:innen in der GEW versandt. Das Bildungsministerium versäumte es bis heute die Landesbeschäftigt:innen an den Schulen mit wirksamen Schutzmasken auszustatten.
Unsere GEW Kreisvorsitzende Sabine Duggen wendet sich dazu in einem Anschreiben an die GEW Vertrauensleute an den Schulen:
„…Noch wissen wir nicht, wie es nach den Ferien in den Schulen weitergehen soll. Auf jeden Fall können wir uns darauf einstellen, dass unser Arbeitsgeber das Bildungsministerium seine Beschäftigten nicht ausreichend vor einer Ansteckung mit Covid 19 schützen wird und möglicherweise wird es uns weiter mit Un- und Halbwahrheiten ( z.B. „In Schulen und Kitas gibt es kein Corona“ oder „Kinder sind nicht ansteckend“ oder „Lüften reicht“…)zu beruhigen versuchen…“
Der GEW-Kreisvorstand Segeberg hat daher beschlossen, wenigstens ein bisschen zu eurer und unserer Sicherheit beizutragen und schickt jedem GEW Mitglied im Kreis heute einige ffp2-Masken. Das ist nur ein Tropfen – aber ein Anfang.“
Ab Montag, dem 11. Januar, geht ganz Deutschland in den verschärften Corona Lockdown. Überall in Deutschland bleiben die Schulen geschlossen und die Kontaktbeschränkungen für den privaten Bereich sind hart. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Günther hat zurecht mit eindringlichen Worten auf die dramatische Situation im Land hingewiesen. Besonders in den Landkreisen rund im Hamburg steigen die Covid-19 Infektionszahlen massiv an und bewegen sich in Richtung auf eine Inzidenzzahl von 200 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen.
All dies gilt aber nicht für die Schulen in Schleswig-Holstein, sie werden ab dem 11. Januar für Tausende von Schülerinnen und Schülern wieder geöffnet, die in Abschlussklassen der 9./10. und 12./13. Jahrgänge der Gemeinschaftsschulen und Gymnasien gehen. Hier soll ab nächsten Montag wieder Präsenzunterricht nach Stundentafel in den Klassenräumen stattfinden. Dies soll zwar unter besonderen Bedingungen geschehen, die an den Schulen in der Regel jedoch nicht umsetzbar sind und schon an den räumlichen Voraussetzungen scheitern. Damit schert Schleswig-Holstein mal wieder aus den Absprachen zwischen der Bundesregierung und den Ländern aus. Ist Ministerpräsident Günther von seiner Bildungsministerin Frau Prien darüber etwa nicht informiert worden?
Was bedeutet das? Nicht nur überfüllte Schulbusse ohne die Möglichkeit der Einhaltung der Abstandsregeln, sondern auch die Schulen werden mal wieder kurzfristig vor eine nicht umsetzbare Aufgabe gestellt. Der Infektionsschutz und die Kontaktbeschränkungen werden vom Bildungsministerium für den Schulbereich weitgehend außer Kraft gesetzt. Damit setzt sich die Pannenserie in der schleswig-holsteinischen Bildungspolitik unter den Bedingungen der Pandemie fort. Schon im Frühsommer wurden praktisch pauschal ärztliche Atteste von Lehrkräften mit schweren Vorerkrankungen nicht anerkannt, die Gefahren der Corona Pandemie wurden geleugnet. Die Versorgung der Schulen und der Lehrkräfte mit Dienstlaptops funktioniert nicht. Selbst die Lieferung von FFP2 Masken für die Beschäftigten an den Schulen klappt bis heute nicht. Die meisten Schulen haben gerade eine Schutzmaske für nicht einmal alle Lehrkräfte erhalten! Ein den Anforderungen eines flächendeckenden Online-Distanzunterrichts angemessenes Bildungsnetz ist an vielen Schulstandorten immer noch in weiter Ferne. Außer Verordnungen, Drohungen, Gedichtchen! und viel Papier ist an den Schulen des Landes nichts angekommen. Die Umsetzung teilweise weltfremder und der Situation an den Schulen nicht entsprechender Erlasse wird einfach auf die einzelnen Schulleitungen delegiert. Die Lehrkräfte werden von dieser Ministeriumsleitung in der Pandemie allein gelassen.
Die GEW Schleswig-Holstein hat sich heute (8.1.2021) in einer Presseerklärung zu den aktuellen Plänen der Bildungsministerin Prien klar positioniert:
Kiel – Noch im Laufe der Woche schien es so, als habe das Bildungsministerium endlich einen nachvollziehbaren Kurs im Umgang mit der Pandemie gefunden. Jetzt aber hat es die Schulen wieder einmal in Aufruhr versetzt. Am Montag soll es für die Abschlussklassen Unterricht nach Stundenplan geben. Konkret heißt das: An vielen Schulen werden Montagmorgen mehrere hundert Schülerinnen und Schüler in die Schulen strömen. Die GEW fordert das Bildungsministerium auf, die Pläne zu stoppen und Unterricht nur in kleinen Gruppen vorzusehen. Die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke übte am Freitagnachmittag (08.01.2021) in Kiel deutliche Kritik am Bildungsministerium: „Die Vorgaben für die Abschlussklassen entsprechen in keiner Weise den Ankündigungen von Bildungsministerin Karin Prien gegenüber Landtag und Presse. Sie sind in den Schulen auch nicht umsetzbar. Und am allerschlimmsten: Sie werden dem Infektionsschutz nicht gerecht, weil viel zu viele Schülerinnen und Schüler auf einmal in die Schulen kommen werden. Wir erwarten von Bildungsministerin Karien Prien, die Pläne zu stoppen. Sie muss ihren Worten, alles zu unternehmen, um die Infektionszahlen wirklich zu senken und die Lehrkräfte zu schützen, die erforderlichen Taten folgen lassen.“
Die Bildungsministerin hatte in einem Schreiben vom 6. Januar 2021 angekündigt, dass die Schüler*innen der Abschlussklassen Unterrichts- und Vorbereitungsangebote in den Schulen erhalten: Nun heißt es Präsenzunterricht gemäß Stundentafel. „Es ist aber nicht damit getan, Schülerinnen und Schüler auf verschiedene Räume zu verteilen und die Lehrkräfte von Raum zu Raum hetzen zu lassen. Große Lernfortschritte sind kaum zu erwarten, wenn Lehrerin Müller die halbe 10a in Raum 24 unterrichtet, während die andere Hälfte ohne Aufsicht in Raum 25 Aufgaben bearbeitet. Bezweifelt werden darf auch, dass dort Abstandsregeln und Maskenpflicht in erforderlichem Maße eingehalten werden“, so Astrid Henke. Unterricht nach Stundenplan für die Abschlussklassen bedeutet für Gemeinschaftsschulen und Gymnasien nicht Lockdown, sondern Zusammentreffen von 150 bis 400 Schülerinnen und Schülern auf engstem Raum. Hinzu kommen zwischen 30 und 100 Lehrkräfte. „Infektionsschutz sieht anders aus“, bemerkte Astrid Henke.
Die GEW-Landesvorsitzende hält es ausdrücklich für richtig, den Schülerinnen und Schülern in den Abschlussklassen Präsenzunterricht in den Prüfungsfächern zu erteilen. Das dürfe allerdings nicht zeitgleich für alle geschehen. Auch beim Umfang seien Abstriche möglich. In den Nicht-Prüfungsfächern solle die Schule auf Distanzunterricht gehen. „Das Bildungsministerium sollte die Ausgestaltung einfach in der Hand und Verantwortung der Schulen legen. Auch in den Abschlussklassen kann und muss Wechsel- und Distanzunterricht durchgeführt werden.“
Verantwortlich: Bernd Schauer, 08.01.2021
(Bernd Schauer, Geschäftsführer der GEW Schleswig-Holstein)
Endlich und sehr spät reagiert die Landesregierung auf den massiven Anstieg der Covid-19 Infektionszahlen mit der Anordnung eines Teil-Lockdowns an den Schulen. Der KV Segeberg der GEW hat schon vor mehreren Wochen, als die Infektionszahlen in den Landkreisen im Süden Schleswig-Holsteins weit über den Inzidenzwert 50 anstiegen, den Übergang zum Onlineunterricht überall dort, wo es möglich und sinnvoll ist, eingefordert. Auf solche Überlegungen reagierte Bildungsministerin Prien bisher mit sturem Festhalten am Präsenzunterricht, da angeblich Schulen von der Pandemie kaum betroffen seien. Gleichzeitig war jedoch früh bekannt, dass bis zu 75% der Covid-19 Erkrankungen von den Gesundheitsämtern gar nicht mehr zurückverfolgt werden konnten.
Ärgerlich ist auch die wieder einmal viel zu kurzfristige Bekanntgabe der nun beschlossenen Maßnahmen, die jetzt mal eben übers Wochenende von den Schulleitungen vorbereitet und den Schüler:innen, Eltern und Lehrkräften kommuniziert werden müssen.
GEW KV Segeberg
Zur Regierungserklärung von Ministerpräsident Günther:
Presseerklärung der Landes GEW zur Entscheidung der Landesregierung
Notbremse unumgänglich – Umsetzung fragwürdig
Kiel – Ab Montag sollen Schulen und Kindertagesstätten in Schleswig-Holstein nun also in den Teil-Lockdown gehen. Für die Bildungsge-werkschaft GEW ist das eine unumgängliche Maßnahme. An der Art der Umsetzung äußert sie jedoch Kritik.
„Das Ziehen der Notbremse ist richtig! Wir halten es aber für falsch, wie die Landesregierung den Lockdown in Schulen und Kitas umsetzen will. Zum weiteren Betrieb der Kindertagesstätten muss es eine klare Anordnung und nicht nur einen Appell des Ministerpräsidenten geben. Für die Schulen wäre ein generelles Vorziehen der Weihnachtsferien besser gewesen“, sagte Astrid Henke, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Freitag, 11. Dezember 2020 zur Regierungserklärung von Ministerpräsident Daniel Günther.
Bei einem früheren Beginn der Weihnachtsferien hätte für Kinder in den Klassen 1 bis 7 eine Notbetreuung eingerichtet werden können, so Astrid Henke. „Die jetzige Ansage macht das Ganze ziemlich unübersichtlich. Es ist trotz aller Appelle nicht auszuschließen, dass in manchen Schulen die Klassen immer noch zu voll bleiben.“ Die Kitas müssten geschlossen werden und nur noch eine Notbetreuung angeboten werden. Schließlich seien auch sie Teil des Infektionsgeschehens. Die dort Beschäftigten hätten schließlich auch ein Anrecht auf mehr Schutz.
Die GEW-Landesvorsitzende bezeichnete es als „mehr als ärgerlich“, dass die Landesregierung in den vergangenen Wochen und Monaten nicht den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts gefolgt sei. Die GEW habe diese Empfehlung immer wieder aufgegriffen und darauf gedrungen, dort auf Wechselunterricht umzustellen, wo ein Inzidenzwert von 50 erreicht werde. Astrid Henke: „Das hat die Bildungsministerin immer wieder locker beiseite gewischt.“
Im einem Klassenraum der Leif Eriksson-Gemeinschaftsschule in Kiel-Mettenhof ist jetzt ein Prototyp – eine Luftfilteranlage Marke Eigenbau -eingebaut worden. Weitere Entlüftungsanlagen dieser Art sind auch für andere Klassenräume geplant bzw. schon in Arbeit. Durchgeführt wird das gesamte Projekt zum Schutz der Schüler:innen und Lehrkräfte vom Technikkurs der Gemeinschaftsschule nach einem Vorbild und Plänen des Max-Planck-Instituts. Das Projekt der Schule wird von der Hochschule Flensburg wissenschaftlich begleitet, auch um die Wirksamkeit der Anlage ggf. zu optimieren.
Unabhängig von den noch nicht vorliegenden Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitung weiß Bildungsministerin Karin Prien bereits jetzt, dass die Anlage „nicht massentauglich“ sei, „die landesweite Nutzung einer solchen Anlage komme nicht infrage“. Prien wörtlich: „Leider sagen uns die Arbeitsschutzexperten, dass diese Selbstbau-Filtersysteme nicht geeignet sind, um dauerhaft in Klassenräumen genutzt zu werden.“ Diese voreilige Einschätzung muss erstaunen, kommen doch das Max-Planck-Instituts, eines der weltweit anerkanntesten wissenschaftlichen Forschungsinstitute, und weitere wissenschaftliche Einrichtungen zu einer ganz anderen Bewertung.
(Zitate nach Kieler Nachrichten vom 09. Dezember)
Dazu der Leserbrief der Vorsitzenden der GEW KV Segeberg, Sabine Duggen, zum Artikel: Virusgefahr macht erfinderisch; KN/SZ, 9.12.2020
Leif-Eriksson-Schule: Klasse Initiative!
Weil der Arbeitgeber – hier das Bildungsministerium – pennt, haben Lehrkräfte und Schüler für ihren Klassenraum eine Lüftungsanlage gebaut. Das ist bewundernswert!
Es muss aber festgestellt werden, dass es Aufgabe der Ministerin Prien ist, die Schule so auszustatten, dass die Gefährdung für Lehrkräfte und Schüler*innen möglichst gering gehalten wird.
So steht es im Arbeitsschutzgesetz (§64) und da steht auch, dass „bei den Maßnahmen … der Stand von Technik … zu berücksichtigen“ ist. Sowohl Professor Kähler von der Bundeswehruni in München als auch Forscher des Max-Planck-Instituts halten Luftfilteranlagen bzw. Lüftungsanlage für sehr effektiv. Frau Ministerin Prien beruft sich auf nicht weiter genannte „Arbeitsschutzexperten“, um abzuwehren, dass es ihre Aufgabe ist, alle Schulen und Schulräume mit derartigen Geräten auszustatten.
Die Behauptung, an den Schulen werde überall und immerzu ein ausreichend gutes Hygienekonzept umgesetzt, kann wohl als „Wunschbehauptung“ gewertet werden. Und auch die Behauptung, Corona gebe es praktisch an Schulen nicht, ist ebenso falsch.
Wenn das oberste Ziel die Öffnung der Schulen ist, soll man den Lehrkräften keinen Quatsch erzählen, sondern ihnen klar die wahren Gründe nennen: Entlastung der Eltern, Nutzung der Arbeitsleistung der Eltern und somit Nutzen für die Wirtschaft. Das ist doch mal eine Ansage, die man nachvollziehen kann und auch für die Kinder und Jugendlichen ist es gut, wenn sie ihre Mitschüler*innen täglich treffen können. Aber dann fehlen eben die im Arbeitsschutzgesetz vorgeschriebenen Maßnahmen und z.B. Lüftungsanlagen bzw. Filteranlagen für jeden Schulraum.
Vor dem Hintergrund, dass Lufthansa, TUI und andere Großbetriebe Milliarden an Unterstützung bekommen, sind die Kosten dafür doch „Peanuts“. Und die Menschen, die täglich in unseren Schulen arbeiten, würden sich endlich ernst- und wahrgenommen fühlen. Zurzeit kursiert eher die Äußerung: „Verarschen kann ich mich selbst“.