Sieben Jahre – Arbeitssitzungen oder Aussitzen?

Sabine Duggen, die Vorsitzenden des GEW Kreisverbandes Segeberg, scheint mit einem Leserbrief an die Kieler Nachrichten und die Segeberger Zeitung einen wunden Punkt im Kieler Bildungsministerium getroffen zu haben. Sabine Duggen kritisierte in ihrem Leserbrief, dass sich in Bezug auf die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte und die Attraktivität des Berufs, trotz vieler ministeriellen Arbeitsgruppen, Datenerhebungen und Befragungen, in den letzten Jahren nichts getan hat (Leserbrief s.u.).

Wir haben uns sehr gefreut, dass diese Stellungnahme unserer GEW Kreisvorsitzenden im Ministerium wahrgenommen wurde und es eine Antwort (s.u.) direkt aus der Schaltzentrale des Ministeriums gab.

Natürlich haben wir erwartet, dass jetzt konkrete Vorschläge vorgestellt und zeitnahe, tiefgreifende Maßnahmen des Bildungsministeriums zur Entlastung der Lehrkräfte bekanntgegeben würden, dass jetzt ein überzeugendes Programm gegen den Lehrkräftemangel an Schleswig-Holsteins Schulen vorgestellt würde. Wir wurden enttäuscht.  Nein, davon stand leider nichts im Schreiben aus dem Ministerium! Im Gegenteil, Sabine Duggen hat anscheinend den Wert lange tagender Arbeitsgruppen an sich nicht genug gewürdigt. Ihr wurde zumindest von einem leitenden Mitarbeiter des seit sieben Jahren unter der Leitung von Frau Prien stehenden Bildungsministeriums vorgeworfen,sie würde mit ihrem Leserbrief „die Arbeit vieler Menschen im Bildungsministerium, an den Hochschulen und in der Schulaufsicht diskreditieren….“


 

Dazu eine kurze Stellungnahme 

Natürlich liegt es unserer Kreisverbandsvorsitzenden und dem Kreisvorstand der GEW Segeberg fern einzelne Menschen zu diskreditieren. Wir können aus leidvoller Erfahrung auch nicht ausblenden, dass sich die aktuelle Ministeriumsleitung in langjähriger Tradition ihrer Vorgänger*innen wiederfindet, die ebenso wenig für die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter*innen an den Schulen getan haben. Dennoch sind wir der Meinung, dass auch ministerielle Arbeitsgruppen ergebnisorientiert arbeiten und zeitnah Maßnahmen entwickeln können. Indirekt den Gewerkschaften die Schuld an der Dauer von Findungsprozessen im Ministerium zuzuweisen ist absurd. Mehr als sieben Jahre ist es her, dass das Instrument der Statuserhebung zwischen Gewerkschaften und Landesregierung vereinbart wurde. Mehr als sieben Jahre sind eine lange Zeit! Auf wie viele weitere Jahre Stillstand und auf wie viele weitere Befragungen müssen sich die Lehrkräfte noch einstellen, bis Lösungen für die Probleme an den Schulen wirksam werden? Wie lange dauert es noch, dass sinnvolle Maßnahmen zu Gewinnung neuer Lehrkräfte ergriffen werden? Solange nämlich müssen die nicht gerade hochbezahlten Kolleg*innen an den Schulen weiter „am Limit“ unter oft unerträglichen Bedingungen arbeiten. Wäre es eigentlich nicht selbstverständlich, wenn dem „dabei geleisteten überragende Engagement, das sich z. B. in vielen, teils ungezählten Überstunden niederschlägt“ mit Respekt begegnet würde …  also nicht nur mit viel Papier und noch mehr leeren Worten, sondern mit konkreten Verbesserungen der Arbeitssituation an den Schulen des Landes. (Die GEW hat dafür übrigens umfassende Vorschläge erarbeitet,  z.B. https://www.gew.de/15-punkte-gegen-lehrkraeftemangel) Sonst entsteht der Eindruck, dass immer neue genaue Statuserhebungen und  Arbeitssitzungen eben doch nur zum Aussitzen von Problemen dienen.

Kommentar: Gerd Clasen

 


Da die Antwort von Herrn Kraft, dem Leiter der Abteilung für Schulgestaltung und Schulaufsicht (III 3), über den offiziellen E-Mailverteiler und auf der E-Mailvorlage des Bildungsministeriums versandt wurde, müssen wir davon ausgehen, dass es sich bei dem Schreiben um eine offizielle Stellungnahme handelt, die die Meinung des Ministeriums und der zuständigen Ministerin widergibt. Auch aus diesem Grund dokumentieren wir hier zu Informationszwecken den gesamten „Briefwechsel“:

 

I. Leserbrief Sabine Duggen:

„Die Fürsorge des Bildungsministeriums fehlt!

(zum Artikel: „Kinder sind viel lauter geworden“, SZ/KN 10.2.24)

Die Umfrage, die das Bildungsministerium in Auftrage zeigt zum wiederholten Mal, dass viele Lehrkräfte am Limit“ sind. Das weiß das Ministerium schon lange; denn die letzte Erhebung, die vor einigen Jahren stattgefunden hat, hat das auch schon ergeben.

Nur: es hat sich nichts getan, was den verheerenden Zustand verbessern würde. Es wurde im Gegenteil Lehrkräften und Schulleitungen immer mehr und neue Aufgaben aufgebürdet. Viele Lehrkräfte reduzieren ihre Stundenzahl, damit sie die Arbeit überhaupt bewältigen können. Andere müssen vorzeitig wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand gehen. Und es werden immer mehr! Will das Ministerium hier vielleicht auch einmal Zahlen erheben?

Dabei brauchen wir in den Schulen jede Lehrkraft! Und wir brauchen gesunde Lehrkräfte, die mit Freude den Kindern Wissen vermitteln und sich um deren Belange kümmern.

Den Lehrkräftemangel gibt es seit Jahren! Und fast ebenso lange gibt es runde Tische, Arbeitsgruppen und Sitzungen, auf denen zum Teil hochbezahlte Menschen aus dem Ministerium, den Hochschulen, der Schulaufsicht sitzen – und bislang keine durchgreifende Lösung gefunden haben. Im Gegenteil werden junge Menschen vom Ergreifen des Berufs eher abgeschreckt, weil sie merken: die Belastungen sind zu hoch; die Pflichtstundenzahl ist zu hoch; die Klassen sind zu groß; die Arbeitszeit liegt deutlich höher als Gesetze, Verordnungen und Tarifvereinbarungen es erlauben.

Schleswig-Holstein dümpelt weiter am unteren Ende im Vergleich zu den anderen Bundesländern bezüglich der Ausgaben, die pro Kind in die Bildung gesteckt wird. Ein Armutszeugnis!

Sabine Duggen“

 

II. Antwort aus dem Ministerium

„Sehr geehrte Frau Duggen,

ich habe Ihren Leserbrief in den Kieler Nachrichten vom heutigen Tage zur Kenntnis genommen.

Ich nehme wahr, dass Sie Kritik üben am Umgang mit der Situation der Lehrkräfte, die sich aus Ihrer Sicht so darstellt, dass viele Lehrkräfte „am Limit“ seien. An dieser Stelle wäre aus meiner Sicht in der Tat eine genaue Analyse geboten, wenn stimmt, was Sie selbst nahelegen, dass nämlich die Situation der Lehrkräfte unterschiedlich ist. Gut also, dass wir an der Stelle mit den Erkenntnissen aus der aktuellen Statuserhebung weiterarbeiten können. Vor 2017 hatten wir solche Daten überhaupt nicht, nun haben wir noch einmal aktualisierte Daten. Das war z. B. auch deshalb wichtig, weil es abzumessen gilt, wie sich die Herausforderungen aus der Zeit der Coronapandemie in der Erhebung niederschlagen. Ich nehme die Verfügbarkeit von Rückmeldungen, die die noch einmal höhere Teilnahme von Lehrkräften gegenüber 2017 ergeben hat, als deutlichen Fortschritt wahr, weil so eine Einschätzung der aktuellen Situation der Lehrkräfte möglich ist, die ansonsten nur auf eine subjektiv empfundene Lage verweisen könnten. Letztlich liegt es natürlich bei Ihnen, wie Sie sich zu einem solchen Instrument stellen, wenngleich die Statuserhebung ja unter anderem deshalb stattfindet, weil die Spitzenorganisationen der Gewerkschaften das im Jahr 2015 so mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung ausverhandelt und vereinbart haben. Wie hätte wohl Ihr Leserbrief gelautet, wenn die Landesregierung diese Vereinbarung missachtet und die Statuserhebung nicht durchgeführt hätte? Ich anerkenne aber, dass Sie sich entschieden haben, mit Ihrem Leserbrief auf von Ihnen beobachtete Missstände hinzuweisen.

Weshalb ich mich aber am Schluss dieses Arbeitstages mit einer Rückmeldung zu Ihrem Leserbrief an Sie wende, mache ich an dieser Aussage von Ihnen fest: „Und fast ebenso lange gibt es runde Tische, Arbeitsgruppen und Sitzungen, auf denen zum Teil hochbezahlte Menschen aus dem Ministerium, den Hochschulen, der Schulaufsicht sitzen – und bislang keine durchgreifende Lösung gefunden haben.“

Ich nehme es so wahr, dass Sie mit dieser Aussage die Arbeit vieler Menschen im Bildungsministerium, an den Hochschulen und in der Schulaufsicht diskreditieren. Diesen Menschen ist es ein außerordentliches Anliegen, dazu beizutragen, dass die Schulen und Lehrkräfte bestmögliche Rahmenbedingungen haben. Für das dabei geleistete überragende Engagement, das sich z. B. in vielen, teils ungezählten Überstunden zeigt, wünsche ich mir, dass Sie dem mit Respekt begegnen.

Mit freundlichen Grüßen

Alexander Kraft

Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur
Leiter der Abteilung für Schulgestaltung und Schulaufsicht (III 3)…“

Februar 20th, 2024 by